Bedrohliche oder verrückte Zeiten?

Was erleben wir – Angst oder Zuversicht?

In den vergangenen Wochen hat sich dieses Land wieder einmal stark verändert. Aus einer „Ist mir doch egal“-Stimmung wurde durch viele Informationen und staatliches Handeln eine andere Stimmung. Aus einem wabernden, nicht wirklich greifbaren Nebel hat sich auf der einen Seite Solidarität, auf der anderen Seite stärkerer Egoismus gebildet.

Wie es begann

Zunächst schien alles weit weit weg. Da irgendwo in China. Hat nichts mit uns zu tun.

Die Chinesen wurden in den Sozialen Medien gefeiert, wenn sie binnen kürzester Zeit aus fertigen Modulen ein großes Krankenhaus gebaut haben. Da konnte schon einmal übersehen werden, dass es nicht nur diese Maßnahmen waren, die die nicht kranke Bevölkerung schützen sollte. Aus dem Weltall konnte man binnen sehr kurzer Zeit erkennen, dass die Luftverschmutzung in den industriellen Kernen der Infektionsregion absolut zurück gegangen ist. Da hat jemand etwas für den Umweltschutz gemacht? Mitnichten. Die Produktionen wurden geschlossen, das gesellschaftliche Leben eingestellt. Haben wir das so wahrgenommen? Ich denke, dass uns das nicht wirklich bewusst war.

Wie weit war doch Bayern weg, als dort die ersten Infizierten gemeldet wurden? Und ganz ehrlich: wann war das noch einmal genau? Ich musste gerade selber schauen und fand die Meldung über die erste Corona-Infektion im Landkreis Starnberg in der Presse am 28.01.2020.

Heute ist der 22. März. Noch keine zwei Monate später.

Wo wir stehen

In meiner Wahrnehmung gibt es dafür keine allgemeingültige Antwort.

Aus dem hörbaren Einatmen/Stöhnen aus der Anfangszeit ist ein lauter Rausch an Stimmungen und Stimmen geworden. In den vergangenen Wochen sogar ein Schrei. Dieser Schrei hat sehr viele Tonlagen.

Laut kreischend für einige – vor allem diejenigen, die sich dem Untergang geweiht sehen.
Ich kannte weder den Begriff Prepper, noch was ihn definiert. Bis ich das erste Mal im Drogeriemarkt kein Toilettenpapier mehr kaufen konnte. Das war vor drei Wochen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich die ganzen merkwürdigen Listen mit Empfehlungen für den Quarantäne-Fall nicht ernst genommen. Ich war ja der Überzeugung, dass mein Verhalten den Empfehlungen entsprach. Hygienemaßnahmen brauchte ich nicht neu zu lernen, da hatte die SARS-Welle aus den Kindergartenzeiten meiner Töchter zu einem Umdenken geführt. Verstört hat mich nur, dass das Toilettenpapier vor Seifen ausgegangen war. Auch in der nächsten Welle waren dann zuerst die Desinfektionsmittel und erst dann die Seifen leer. Engpässe beim Duschgel oder Haarwäsche habe ich noch keine bemerkt. Dies gibt mir dann doch zu denken.

Schlimm ist, das mit dem vermeintlichen Mangel auch wieder manche zu einfachen Erklärungsmustern griffen. Einige taten und tun immer noch so, dass wenn die Grenzen geschlossen wären, alles kein Problem ist. Lieber auf andere zeigen und sie zu Schuldigen erklären, als das eigene Verhalten zu überdenken. Ist bei dieser Pandemie so, wie in vielen anderen Bereichen.

Wenn man auf andere zeigt, dann lenkt es von sich selber ab.
Habe ich selber eine Meinung zu der aktuellen Situation gebildet? Habe ich meine Verhaltensmuster angepasst? Habe ich selber die Steuerung übernommen und laufe nicht irgendwelchen Verkündungen hinterher?
Gerade diese letzte Beschreibung, das Hinterherlaufen, das Gegenanlaufen macht ja nicht nur Angst, sondern schürt auch negative Emotionen gegenüber anderen, gegenüber Institutionen, gegenüber Menschengruppen.

Während die einen sich an der Schuldfrage abarbeiten nehme ich eine glücklicherweise größer und vor allem lauter werdende Menge an Menschen wahr, die eben nicht nur für sich, sondern auch für andere eintreten. Nicht, weil sie es von Berufs wegen müssen, sondern weil sie es wollen. Menschen, die die Entwicklung der Gesellschaft durch Offenheit weiterbringen wollen. Menschen, die wissen, dass ihre Freiheit dort endet, wo sie die der anderen einschränkt.

Aus dem Alltag

Am Freitag hatte ich dazu ein wieder einmal besonderes Erlebnis. In dem Laden, in dem ich meine Nahrungsmittel für den Abend eingekauft habe, waren nicht nur die Regale ziemlich leer, sondern zum Schutz der Beschäftigten hatte man sich entschieden die Kassierenden hinter Schutzfolien zu setzen. Auf dem Boden im Kassenbereich gab es provisorische Schilder zu den empfohlenen Abständen. Unternehmen lernen halt sich auf die besonderen Situationen einzustellen.
Nicht so dieser alte, weiße Mann. Er gehört sicherlich auch zu denen, die auf der Autobahn immer die kleinste Lücke für die linke Spur nutzen, dann aber vergessen aus Rücksicht wieder die Spur zu wechseln. Die Schlange an den Kassen waren nicht übermäßig lang, allerdings kam es halt durch die Vorsichtsmaßnahmen zu längeren Bearbeitungszeiten beim Kassieren. Während sich gefühlt alle anderen daran hielten, konnte es dieser alte, weiße Mann nicht lassen sich über die Hinweisschilder auf dem Boden hinweg zu setzen und seine eigene Reihenfolge an der Kasse einzuführen. Wirklich freundlich wurde er von dem nachfolgenden Menschen darauf hingewiesen, dass er selber in der Schlange stehe und er sich jetzt vorgedrängt habe. Dezent, wie man es bei der Erstansprache macht. Ich nahm dieses nur als Hintergrundrauschen wahr.
Anstatt sich für seine Unachtsamkeit zu entschuldigen und sich richtig einzureihen, ging der Drängler in die Offensive.
Was sich denn der Mann erlauben würde ihn als Deutschen auf Regeln hinzuweisen. Ohne, dass er sich mit der Sache als solches beschäftigte, ging es direkt um das Abstammungs- und damit sein persönliches Bessersein-Recht. Anders als häufig erlebt, stand ich aber in der direkten Ansprache des Streitsüchtigen nicht alleine, sondern auch die Mitwartenden traten für die Gemeinschaftsregeln ein und so wurde der Vorfall sehr schnell und durch die Kraft der Gemeinschaft gelöst.

Was für verrückte Zeiten

Klar gab es schon immer wieder Störungen des Gewohnten und des Erlernten. Das Erlebte wich davon ab, wie man selber groß geworden ist. Digitalisierung erreicht alle Bereiche des Alltages, des normalen Erlebens. Handys, Computer, Tablets gehören heute so zum Alltag, wie es früher die drei/zwei Fernsehsender und eine Tageszeitung gehörten.

Informationsbeschaffung und -verarbeitung ist theoretisch deutlich einfacher geworden. Dennoch führt dieses nicht automatisch zu einem besseren Gefühl.

Welche Ziele verfolge ich, rückte hinter den Umgang mit der Technik zurück. Das Neueste, das Beste, das Schnellste und auch das individuellste muss es sein.
Wozu? Erleichtert es mein Leben? Kann es für andere zur Erleichterung führen? Emanzipiert Technik Menschen? Machen sich die Menschen die Technik Untertan oder ist es genau anders rum? Welch einen Sinn gebe ich dem Einsatz von Technik?

Im Internet findet nicht mehr die nur eine Demokratisierung und Kollektivierung von Informationen statt. Fake-News sind nicht erst seit Herrn Trump ein gängiges Mittel des alltäglichen Diskurses. Würde man facebook, Instagram, Twitter und den diversen Quellen und Mitteln Glauben schenken, dann könnte man den Eindruck gewinnen, dass es entweder nur Hass oder nur bunt ist. Psychische Störungen, körperliche Mängel, nicht alltägliches, Sorgen passen nicht in die bunte Glitzerwelt der Influenzer.

Mit dem drohenden #Shutdown fangen Unternehmen plötzlich an darüber nachzudenken, dass „Homeoffice“ ja vielleicht doch eine Alternative ist. Jahre-, wenn nicht gar jahrzehntelange Blockaden lösen sich und es wird losgestürmt. Die Startlinie ist für alle gleich, alles andere ist unklar. Es muss halt kundenorientiert, agil, divers, unmittelbar, dennoch kontrollierbar und bis ins Detail der Kostenstelle abrechenbar sein.

Geben wir den Instrumenten wie dem Internet doch einen Sinn und einen Wert. Keinen materiellen Wert, sondern einen ideellen.
Mitten zu Beginn der Maßnahmen zur Eingrenzung der Ausbreitung von Covid-19, mitten in der Debatte um Ausgangssperren und/oder Kontaktverbote, mitten im Beginn von Kurzarbeit und Beschäftigungsverboten, stehen wir am Anfang einer neuen Debatte nicht nur über Arbeitskultur.

Ich glaube, nein ich hoffe, dass die Debatte wieder nicht nur kurz springt, sondern als ganzheitliches Thema begriffen wird. Orientierung sind dabei alle, nicht nur irgendwelche Eliten. Die Gesellschaft hat eine Chance zu einer neuen Debatte über ihre Ordnung, ihren Sinn und ihre Aufgaben einzuladen.

Nutzen wir den Infekt, die Pandemie (in) der Gesellschaft für einen ergebnisorientierten Diskurs auf Augenhöhe. Beschließen wir ein Selbstverständnis von Demokratie, von Bildungschancen, von Sozialstaat und damit beispielsweise einem bedingungslosen Grundeinkommen und dem Zugang von Menschen zu Chancen und nicht nur Reglementierung.

Treten wir gemeinsam gegen Angst an.
Treten wir gemeinsam für ein gutes Leben ein.
Treten wir für die Gemeinschaft der Menschen ein und fordern alle anderen auf es uns gleich zu tun. Gemeinschaft in der Gesellschaft und in den Unternehmen.

Körperliche Distanz als Prävention darf nicht zu sozialer Isolation führen. Überlegen wir uns neue Wege als Gesellschaft nicht auszugrenzen, sondern einzuladen, abzuholen und mitzunehmen. #flattenthecurve ist der Kampf gegen die Verbreitung des Virus, nicht gegen die Gesellschaft.

Sie kämpfen mit dem Gefühl, dass Sie die Situation extrem fordert, vielleicht sogar überfordert? Sie fühlen sich alleingelassen und wissen nicht, wie Sie mit den an Sie gestellten Herausforderungen umgehen sollen. Ihre Eigenachtsamkeit und Ihr Selbstschutz benötigen Unterstützung?

Kommen wir ins Gespräch. Das Fastenangebot habe ich bis zum 01. Mai 2020 verlängert. 

Mein persönlicher Blick und Ausblick

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir durch die aktuelle Situation vieles lernen dürfen und müssen.

Ich bin optimistisch, dass wir als Gesellschaft gestärkt aus der Herausforderung herausgehen.

Ich bin optimistisch, dass jede/r Einzelne das neu zu Erlernende für ein besseres Leben nutzen kann. Dazu zählt auch der verantwortungsvolle Umgang mit digitalen Medien, Digitalisierung und sogar Solidarität.

Der gemeinsame Feind ist das Virus – nicht der Überträger. 

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